Gruppendynamische Methode: Der Gefahrguttransport

Trainingstipps
Gruppendynamische Übung Gefahrguttransport 11

Heute stelle ich dir einen Trainingsklassiker vor, den es in ganz vielen Varianten gibt – den Gefahrguttransport. Es gibt eine Menge Varianten, gefährliche Güter im Seminar transportieren zu lassen.

Im Grunde sind das alles Problemlösungsaufgaben, die den Zusammenhalt in der Gruppe stärken sollen, die Gesprächsbereitschaft oder Arbeitsfähigkeit einer Gruppe fördern, oder Führungsqualitäten analysieren sollen.

Dazu gibt es verschiedene Szenarien, die sowohl Indoor, als auch Outdoor Anwendung finden. Diese Übungen gibt es mit ausladend viel Material, oder mit ausladend viel Platz. Ein Beispiel dafür ist die Übung Säureteich. Hach, das klingt so herrlich positiv. 🙂

Gib mal bei Google das Stichwort „Säureteich Erlebnispädagogik“ ein, dann findest du hier sehr viele, zum Teil sehr ausführliche Anleitungen. Alle diese Problemlösungsaufgaben haben drei wichtige Dinge gemeinsam:

  1. Wenn sie gut, d.h. präzise und umfassend angeleitet werden, dann sind sie sehr wirksam, und man kann bei der Reflexion sehr viel herausholen, sei es an Erkenntnis, sei es für die Gruppe. Ich schätze das sehr.
  2. Die Ideen, die einem sofort zur Problemlösung einfallen, die sind meistens verboten. Hier soll in der Gruppe erstmal ordentlich um die Ecke gedacht werden, bis die ersehnte Lösung ein tolles Gruppenerlebnis ermöglicht. Das kann mal länger dauern, oder mal weniger Zeit beanspruchen, das ist abhängig vom Setting, von der bereitgestellten Zeit, und der Bereitschaft und Kreativität der Gruppe, hier eine Lösung zu finden.
  3. Oha, verdammt! Ich habe noch keine Idee, wie man sowas in ein Live-Onlinetraining bekommt. Ehrlich gesagt habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht, aber jetzt, wo ich das hier schreibe… Nun, gib mir Zeit. 🙂

Ich habe mich heute hier für den Gefahrentransport per Zollstock entschieden. Das hat einen ganz praktischen Grund. Ich habe diese Fotos neulich unter der Überschrift: „Seminarraumteppich aus der Hölle“ auf meiner Facebookseite gepostet.

Seminarraumteppich aus der Hölle

Gruppendynamische Übung Gefahrguttransport

Neben Beileidsbekundungen zu dieser Schrecklichkeit, kam auch die Nachfrage, was es denn mit dem Zollstock auf sich habe. Ich versprach darüber zu bloggen. Voilà!

Rahmenbedingungen

Seminarphase:  Vermittlung (Gruppe, Gruppendynamik, Führungsthemen), Praxistransfer
Zeit:                  mind. 45 Minuten, je nach Ausführung bis zu einer zeitlichen Arbeitseinheit von 90 Minuten
Teilnehmer:       10 – 14
Material:            Zollstock, Augenbinden, evtl. Arbeitshandschuhe, ein Seil, um das Ziel zu markieren, Gefahrgut, z.B.: kleine Süßigkeiten, Münzen, Spielfiguren aus Holz, Playmobilfiguren, Lego, Blumen, oder was sich sonst noch auf kleiner Fläche platzieren lässt
Raum:                großzügig Platz für den geöffneten Zollstock, den Transportweg und Bewegungsfreiheit für die aktiven Teilnehmer

Was bringt diese Übung?

Die Methode…

  • stärkt die Zusammenarbeit in der Gruppe.
  • zeigt auf, an welcher Stelle es Störungen in der Gruppe, oder der Führung gibt.
  • hilft, Störungen und Unsicherheiten in der Gruppe zu reflektieren.
  • gibt den Teilnehmern ein Gemeinschaftsgefühl.

Was brauchst du für diese Übung?

  • Platz für den im Zickzack geöffneten Zollstock, inkl. Platz zum agieren.
  • Mindestens zwei zusätzliche Beobachter aus der Gruppe.
  • Stoppuhr
  • Lose für die Rollenverteilung

Wie läuft die Übung ab?

Bereite für jeden Teilnehmer eine Rolle auf einem Los vor. Du brauchst folgende Rollen:

  1. Vorgesetzter, Chef, Direktor oder CEO
  2. Aktive
  3. Supervisor
  4. Beobachter

Gruppendynamische Übung Gefahrguttransport 7

In welcher Menge brauchst du welche Rolle?

Gruppendynamische Übung Gefahrguttransport 8

Die Rolle des Vorgesetzten vergebe ich höchstens zwei Mal. Das mache ich wirklich nur, wenn ich genügend Teilnehmer habe, sonst würde ich lieber in Beobachter investieren.
Oder: Die Gruppenmitglieder sind alle noch sehr unsicher. Dann spricht das für mich auch für zwei Vorgesetzte.

Gruppendynamische Übung Gefahrguttransport 10

Von den Aktiven brauche ich mindestens immer vier. Es könnte auch mit drei Aktiven funktionieren. Die Idee dahinter ist, dass die Teilnehmer eine Chance haben müssen, den Zollstock sehr gleichmäßig in der waagerechten zu halten, für Stabilität zu sorgen, damit das Gefahrengut nicht abstürzt. Sechs Aktive wären auch möglich, aber das Gedränge an einem zwei Meter langen Zollstock, der auch noch im Zickzack ausgelegt ist, das ist nicht zu unterschätzen. Falls du einen drei Meter langen Zollstock hast – gibt’s ja manchmal, dann wäre das eine Option.
Hängt natürlich immer wieder von deiner Teilnehmerzahl ab. Sonst kannst du lieber in Beobachter investieren.

Für die Aktiven brauchst du die Augenbinden. Sie bekommen die Augen verbunden, und sind die einzigen, die den Zollstock anfassen dürfen. Dabei dürfen sie natürlich nicht das Gefahrgut berühren.

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Supervisoren sollten in der gleichen Anzahl wie die Aktiven vorhanden sein. Der Vorgesetzte könnte – also er könnte – auf die Idee kommen, sie zur Steuerung der Aktiven einzusetzen. Das wäre gut und zielführend. Manchmal machen die Supervisoren auch selber den Vorschlag, dass sie sich hierzu einbringen könnten.
Allerdings hat die Erfahrung gezeigt, dass die Vorgesetzten davon nicht immer Gebrauch machen. So dass es auch schon mal vorkommt, dass die Supervisoren nutzlos in der Ecke herumhängen, und lustlos das Geschehen betrachten, während der Vorgesetzte die vier Aktiven alleine steuert, und das Gefahrgut alleine zum Bestimmungsort rockt.

Nun, wie die Gruppe zum Ergebnis kommt, das musst du schon den Teilnehmern überlassen. Da muss man sich wirklich sehr zusammenreißen. Aber am Ende kannst du dich auf eine intensive Reflexion einstellen. Hier bist du gefragt.

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Bleibt noch die Rolle der Beobachter. Sie ist nicht zu unterschätzen, oder auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Beobachter sollen schon genau hinsehen. Ich habe gerne mindestens drei bis vier Beobachter, um das Geschehen aus möglichst vielen Sichtweisen dokumentiert zu bekommen. Das setzt natürlich voraus, dass du genügend Teilnehmer hast.

Jetzt geht es los!

Im besten Fall hast du in einem extra Raum, oder in einer verdeckten Ecke des Raumes das Szenario aufgebaut. Der Transportweg sollte so 3 – 5 Meter betragen. Ich markiere das Ziel immer mit einem Seil, hinter dem die Teilnehmer das Gefahrgut abladen.

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Das bedeutet, dass du den Zollstock im Zickzack ausgelegt, und das Gefahrgut platziert hast. Hier sind noch ein paar Ideen, was du als Gefahrgut einsetzen könntest, wenn es denn keine Süßigkeiten sind.

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Gruppendynamische Übung Gefahrguttransport 12

Das ist mehr so die romantische Ader, die ich hier zeige. <3

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Diese Holzsteinchen lassen sich ja vielfältig nutzen.

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Ihn kennst du ja schon.

 

Nachdem die Teilnehmer ihre Rolle gezogen haben, verlassen alle Teilnehmer außer den Vorgesetzten und den Beobachtern den Raum, oder sofern du einen extra Raum hast, warten sie draußen, bis sie herein gerufen werden.

Nun instruierst du den Vorgesetzten:

„Schön, dass Sie Zeit haben. Ich habe einen wichtigen Transportauftrag für Sie. Ich habe gehört, dass sie spezialisiert sind, auf besonders schwierige Waren, und dass andere Kunden sehr zufrieden mit Ihren Transportleistungen sind. Diese Ware hier muss innerhalb von 30 Minuten hier an diesen Ort [den Ort im Raum zeigen] transportiert werden. Die Fracht ist unglaublich gefährlich, Sie machen sich keinen Begriff. Ihre Aktiven müssen deshalb zur Sicherheit Augenbinden tragen, und zwar schon bevor sie den Raum betreten, und das Szenario hier sehen können. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Nur Ihre Aktiven, die dürfen dieses Transporthilfsmittel [auf den Zollstock zeigen] anfassen. Sonst niemand. Das ist sehr wichtig. Das Gefahrgut darf auf gar keinen Fall berührt werden. Berührt einer der Aktiven das Gefahrgut, so darf er mit dieser Hand das Transporthilfsmittel nicht mehr berühren. Kommt es mehr als 3 mal vor, dass die Aktiven das Gefahrgut berühren, so gibt es für jede Berührung 5 Minuten Zeitabzug.

Ganz wichtig: Weder Sie noch die Supervisoren dürfen das Transporthilfsmittel oder das Gefahrgut berühren!

Ich werde die ganze Zeit dabei sein, für den Fall, dass etwas herunter fällt, dann darf nur ich das Gefahrgut wieder an seinen Platz setzen. Ich kann damit umgehen. Sie müssen allerdings noch einmal beim Ausgangspunkt ansetzen. Es sind keine weiteren Hilfsmittel erlaubt. Auf die Zeit müssen Sie bitte unbedingt selber achten. Wenn Sie keine Fragen mehr haben, dann beginnt jetzt die Zeit.“

Puh, da kommt der Vorgesetzte erstmal ins Grübeln.

Die Beobachter werden kurz instruiert, alles zu dokumentieren, was passiert. Je nach Thema kannst du den Beobachtern natürlich noch spezielle Leitfragen mit an die Hand geben.

Dann beginnt die Übung endlich. Manchmal führt der oder die Vorgesetzte alle Teilnehmer sofort zum Ort des Geschehens, manchmal wird endlos diskutiert, bevor es losgeht, manchmal agieren nur die Vorgesetzten, und sind sehr geheimnisvoll unterwegs.

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Auch wenn die Übung immer einen echten Aufwand bedeutet, so mutet sie fast wie ein Krimi an.

 

FAQ

Typische Fragen und Troubleshooting:

Was mache ich, wenn die Beaobachter nichts mitgeschrieben haben?

Erstmal fragst du, was sie beobachtet haben. Da ist auf jeden Fall etwas dabei. Du musst sowieso damit rechnen, dass die Qualität es Feedbacks, das die Beobachter geben sehr unterschiedlich sein kann. Das ist so. Das ist gewünscht, aber natürlich auch Teil des Prozesses.

Was ist, wenn die Teilnehmer nicht das reflektieren, was ich gerne hätte? Wenn sie nicht an den Kern der Sache kommen?

Da ist natürlich immer die Frage, ob die Teilnehmer nicht an den „Kern“ kommen, oder kommen wollen. Das ist ja auch nicht immer bequem, sich hier mit der Gruppendynamik, oder Führungsrealität auseinander zu setzen. Vielleicht macht die Gruppe dicht, weil es Störungen gibt, die zuvor beseitigt werden müssen. An dieser Stelle wird klar, dass es hier keine Maschine ist, dass der Mensch nicht immer vorhersehbar reagiert. Hier bist du gefordert, dich auf den Gruppenprozess einzulassen, und mit dem zu arbeiten, was die Gruppe dir bietet.

Klar, dass wir das gerne immer anders hätten. Erzwingen können wir das nicht. Möglicherweise stehst du am Anfang in der Arbeit mit Gruppen, dann ist die Situation hochgradig unangenehm. Wenn du aber Lust bekommst, dich auf solche Themen einzulassen, dann solltest du dich in dieser Richtung weiter fortbilden. Die Fortbildung „Leiten und Beraten von Gruppen“, die von verschiedenen Anbietern mit gruppendynamischer Ausrichtung angeboten wird ist hier eine gute Referenz.

Was ist, wenn die Gruppe zumacht, und die Übung nicht machen möchte?

 

Dann musst du unbedingt mit der Gruppe ins Gespräch gehen, um Ursachenforschung zu betreiben. Ein guter Start für eine solche Situation ist die Frage: „Was ist hier los?“

Der Vorteil dabei ist, dass du mehr davon erfährst, was die Gruppe bewegt. Vielleicht hat die Weigerung, die Übung mitzumachen Gründe, die noch nicht genannt wurden, aber die unbedingt auf den Tisch müssen, um die Gruppe generell in ihrem Tun nach vorn zu bringen.

 

 

Viel Erfolg beim Ausprobieren! Schreib mir doch bitte mal in den Kommentaren, welche Erfahrungen du mit dieser oder ähnlichen Übungen gemacht hast.

Signet_Deine

P.S. Vielleicht eine super Übung für die Vatertagsheimkehrer. Hinterher weißt du ganz sicher, wer noch fahren kann. 😉

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Sandra Dirks

Hallo, ich bin Sandra!
Ich blogge über Flipcharts und Methoden, um zauberhaften Menschen dabei zu helfen, Ideen zu finden, für quirlige, überraschende und unvergessliche Events.

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