Hätte ich gleich gefragt, hätte er’s gleich richtig gemacht
Sonntagsgedanken
Ich schreibe das hier frei von der Leber weg, weil es mich beschäftigt. Die Frage ist: Wie geht es weiter? Warum sind manche Dinge so schwer, obwohl sie leichter sein könnten? Ich will jetzt nicht das Wort „Luxusproblem“ hören. Ich will über die Zukunft reden. Vielleicht verstehen das nicht alle, vielleicht ist das technisch eine andere Liga, vielleicht aber auch nicht.
Ich war nie der Businessplan-Typ
Ich bin begeistert, wenn mir jemand ein gutes Design liefert. Ob es objektiv ein gutes Design ist, kann ich gar nicht sagen, mich begeistert es, und mich begeistert primär der Prozess, wie es entsteht.
Ich denke oft an meine ersten Monate als Selbstständige zurück. Das wunderbare Designbüro, das ich mir über Fördergelder leisten konnte, hat mich immer wieder eingeladen, mir die Entwürfe anzuschauen. Ich hätte die alle umarmen können. Welche Rottöne, welches Grau, warum diese Farben, was bedeuten sie für mich, warum ist das meine Marke, warum findet man mich darüber? Das sind Fragen, die sich die wenigsten Selbstständigen stellen, habe ich oft das Gefühl. Die meisten kümmern sich um den Umsatzplan, den Businessplan, all das. Mir war das damals fern. Mir ist das bis heute fern.
Das heißt nicht, dass ich kopflos gestartet wäre. Ich hatte ein paar richtig gute Einstiegsaufträge, ich liebte und machte Kaltakquise, daraus ist einiges entstanden, und neun Monate lang lief noch ein ordentlicher Finanzpuffer aus der Gründungsförderung. Ein weiterer Fördertopf zahlte den Steuerberater, der mir alle Arbeiten abnahm, die mit Finanzamt & Co. zu tun hatten. Ich legte alles in Ordnern ab. Während andere mit Umsatzzahlen anfangen, fange ich eben mit Design an.
Genau diese Begeisterung hat mich letzte Woche wieder gepackt. Ich habe nämlich viel über Claude Design gelernt, also über Claudia, wie ich sie liebevoll nenne, die kleine Schwester der Claudes. Es ist der pure Wahnsinn, was die kann. Jedes Designbüro wird mich jetzt vermutlich hassen, aber als wir an meinem Markenauftritt gearbeitet haben, hatte ich genau dieses Gefühl von damals: Hier ist jemand wahnsinnig Kompetentes, gibt mir Tipps, berät mich bei Entscheidungen. Wir haben Farben und Schriftarten angepasst, auf eine unkomplizierte und trotzdem richtig kompetente Weise. Das hat mich unglaublich gefreut. Authentizität und Identität sind mir in meiner Selbstständigkeit so wahnsinnig wichtig, genauso wichtig wie damals, als ich mit dem Designbüro über die Entwürfe sprach. Mit Umsatzplänen sieht es eben ganz anders aus.
Als letzte Woche außerdem ein neues Plug-in mit dem Namen „Small Business“ für Claude Cowork herauskam, brach auf YouTube ein riesiger Jubel los. Alle haben es sofort rezensiert und gefeiert. Ich stand, offen gesagt, ganz verloren daneben. Lauter Sachen, mit denen ich nichts anfangen kann. Ich habe keine Umsatzplanung. Monatsabschluss? Montagsplan? WTF?
Ich habe keine Jahresplanung wie ein börsennotiertes Unternehmen. Ich habe keine Mitarbeiter:innen, denen ich ein Gehalt zahle. Alles, was dieses Plug-in bietet, brauche ich schlicht nicht. Schau gern selbst rein, wenn dich interessiert, was es kann, für mich war es nichts.
Die Krise dauert zu lange, KI ist meine Hoffnung
KI ist für mich so ein Wundermittel. Sie liefert mir plötzlich all das, was ich mal toll fand oder immer noch toll finde, und das für kleines Geld. Niemand kommt und sagt: ›Das hier ist kostenlos, aber wenn du mehr willst, kauf meinen Kurs, kauf mein Coaching.‹ Dafür habe ich gerade kein Geld, und es ist mir auch nicht wichtig genug, um welches dafür aufzutreiben, auf keinen Fall.
Diese alte Überzeugung ist bei mir ohnehin nicht mehr da. Jahrelang habe ich mich intensiv fortgebildet, aber immer entlang echter Vorbilder, also entlang von Menschen, bei denen ich dachte: Bei der/dem will ich das lernen, bei der/dem nicht. Ein bisschen Guru-Verehrung war da im Spiel, von meiner Seite. Ich nenne es lieber Fangirl. Derzeit ist aber niemand da, von dem ich denke: Wow, die/der reizt mich so, dass ich unbedingt von ihr/ihm lernen will. Vielleicht suche ich noch nach so jemandem. Oder ich hole mir das Wissen einfach aus dem Material, das ohnehin da ist, und schaue dann selbst, was ich daraus mache. So bleibe ich bei mir, statt das Mini-me von irgendwem zu werden. Es gibt Sachen, für die gebe ich gern Geld aus. Für andere ist gerade keins übrig. Diese Situation ist für mich nach 21 Jahren Selbstständigkeit vollkommen neu, jedenfalls in dieser krassen Form. Vielleicht bin ich deshalb so fordernd gegenüber der KI.
Ich nehme mir jeden Tag zwei Stunden, manchmal sogar drei, um etwas über und durch KI zu lernen. Für mich ist das kein Lernen nach Feierabend, sondern ein fließender Übergang zwischen Arbeit und Leben, meine ganz eigene Work-Life-Balance. Das gehört für mich zusammen. Ich finde es spannend, ich finde es wichtig für meine Zukunft, es reizt mich einfach. Ich gehe nicht in den Wald, der ist mir wirklich egal. Würde ich am Meer wohnen, würde ich mich an den Strand setzen und meine Erkenntnisse durch den Kopf pusten lassen. So sitze ich aber zu Hause und schaue, was es Neues gibt bei den OpenAIs und den Claudes, also bei Claude im Chat, bei Cowork, Code und Claudia. Vielleicht hast du schon gehört, dass ich gerade mit großer Begeisterung ein Buch schreibe, über genau diese Claude-Geschwister?
Mein eigentliches Problem: Ich rede ständig rein
Es ist verrückt, wie versteinert man mit den eigenen Workflows ist. Gerade in den vergangenen Tagen, beim intensiven Arbeiten am Buch, habe ich Dinge angefragt und dann daran herumkritisiert, weil es nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Am Ende war es trotzdem erfolgreich. Oder ich habe gemerkt: Ja, vielleicht macht es so, wie ich es wollte, gar keinen Sinn. Oder: So macht man das heute einfach nicht mehr.
Was mir jetzt aufgegangen ist: Ich hätte weniger bestimmen sollen. Ich hätte freier sagen sollen, was ich wirklich will.
Eins vorweg, damit das klar ist: Auf Prompts stehe ich nicht. Beim Wort „Prompt“ könnte ich mich jedes Mal übergeben. Diese Leute, die sich stundenlang damit beschäftigen, bis der eine perfekte Prompt sitzt, das bin ich nicht, und das will ich auch nicht sein. Ich labere die Claudes und auch ChatGPT einfach voll, als gäbe es kein Morgen, mit allem, was mir gerade durch den Kopf schwirrt. Klar haben Prompts ihren Platz, fürs Buch zum Beispiel, für Menschen, die so etwas brauchen. Cowork formuliert die wunderbar, Code kann das, Claudia auch. Prima, dann entstehen schöne Prompts für alle, die sie wollen, ich selbst brauche sie aber nicht.
Meine Sorge ist eine ganz andere. Sie heißt nicht »Wie formuliere ich den perfekten Prompt?«, sondern: Kommt das, was in meinem Kopf herumwirbelt, bei der KI überhaupt an? Verstehen sie, was ich da zusammenrede? Kriegen sie aus meinem Gelaber eine Struktur? Dieser Text hier ist übrigens der beste Beweis, dass sie es können. In meinem Kopf haben sich die Gedanken überschlagen, schneller, als ich tippen konnte, also habe ich alles in Wispr Flow diktiert und dem Claude-Chat hingeworfen.
Mein eigentlicher Fehler liegt woanders. Ich versuche ihnen trotzdem einen Weg vorzugeben, statt einfach das Ziel zu nennen. Statt zu sagen: „Ich hätte das gern in Pink und mit Action“, erkläre ich ihnen haarklein, wie sie da hinkommen sollen. Dabei fragen sie doch von selbst nach, wenn etwas unklar ist. Keine andere KI fragt so klug zurück wie die Claudes.
Ein Beispiel: Ich habe fürs Buch einen Workflow aufgeschrieben, wie man aus einem Blogbeitrag Social-Media-Posts macht und verteilt. Dabei habe ich gemerkt: Mensch, du bist mit einer Technik unterwegs, die schon mehr als drei Jahre alt ist. Mit einem Workflow im Kopf, der vielleicht längst überholt ist. Ich müsste einfach fragen, wie man das heute löst. Statt zu diktieren: »Mach mir mal eine Tabelle, lass uns Argumente sammeln, dann erstellen wir Bilder.« Ach, du je, in Canva sieht es kacke aus, und dann muss das aber alles raus. Ach so, das kann Cowork? Ein einziges Durcheinander, und es macht mich irre.
Genau an diesem Punkt stehe ich heute. Ich sitze an zwei Kapiteln meines Buches, eins über Social Media, eins über das Überarbeiten von Blogbeiträgen, und bei beiden habe ich brutal gesteuert. Dieses Mal sage ich nicht wieder: „Mach mir eine Excel-Tabelle.“ Dieses Mal frage ich: Was schlägst du vor? Klar kann er mir immer eine Tabelle aufmachen. Aber mal ehrlich, dafür ist er doch nicht KI geworden. Wie frustrierend ist das denn? Vielleicht ist er manchmal sogar ein wenig angepisst, wenn ich ihn darauf reduziere, wer weiß. Wir, der Cowork und ich, wir nehmen uns stattdessen einen Kaffee, setzen uns hin, und schauen es uns gemeinsam an. Wie es ausgeht, weiß ich bisher nicht, und ausnahmsweise stört mich das kein bisschen.
Das Haus am Ostseestrand

Vielleicht ist es auch mein Problem mit dem Universum. Ich hätte gern ein Haus direkt am Ostseestrand. Sofort denke ich: Na ja, wie soll ich das erreichen? Entweder ist gerade kein Land frei, oder es kostet ein paar Millionen. Wie soll ich das bezahlen?
Ich schicke den Wunsch raus und denke im selben Moment schon wieder darüber nach, wie er nicht klappen kann. Dabei muss man Wünsche vielleicht einfach so rausschicken. Was soll am Ende dabei rauskommen:
- ein Haus direkt am Strand
- Strand davor, Pforte, Garten
- ein Pool
- eine Doppelgarage, vorn neben dem Haus
Das ist genau dieselbe Denke. Bei der KI und beim Strandhaus klemme ich nicht am Ziel, sondern am Weg. Vielleicht hilft uns die KI gerade dabei, das zu lernen. Vielleicht ist das der Einstieg für all diejenigen, die sich noch dagegen wehren. Ich weiß es nicht.
Mehr Leichtigkeit, weniger Handbremse
Was mich täglich umhaut: Aufgaben, die früher mindestens acht Stunden gedauert haben, sind heute eine einzige Anweisung. Wir haben längst geklärt, wer was macht und wer was kann. Cowork sei gelobt dafür. Was mir fehlt, ist das Loslassen, eine andere Form des Herangehens zuzulassen.
In jedem Job entwickelt sich etwas. Auch im Training sehe ich Dinge heute anders als vor zehn oder zwanzig Jahren, und das ist gut so. Manche Sachen biete ich gar nicht mehr an. Was ich aber wahnsinnig wichtig finde: dass wir uns alle der KI stellen. Dass sich alle mindestens ein Tool raussuchen, außer dem reinen Chatbot, und lernen, damit zu arbeiten, damit das Leben leichter wird. Außerdem, dass wir den Dingern auch mal vertrauen.
Gerade wir Trainer:innen oder Coaches, die mit so vielen Menschen in Gruppen gearbeitet haben, können das. Das Gros der Menschen hat uns nie enttäuscht, ganz im Gegenteil. Wir erinnern uns an die Seminarteilnehmenden, die wir ins Herz geschlossen haben. Erstaunlicherweise erinnern wir uns genauso an die Hackfressen, an die mit den hängenden Mundwinkeln, die mir die Lust am Job verhageln. Die wenigen, die uns verletzen, bleiben hängen. Die vielen, die uns guttun, vergessen wir leider zu schnell.
Bei der KI ist es ganz ähnlich, nur andersherum. Wir hören vorrangig, wie gefährlich sie sei und worauf man alles aufpassen müsse. Die wenigen Schreckensbilder bleiben kleben, das viele Gute, das sie mir täglich bringt, geht darüber unter. Mit den Claudes ist es deshalb wie mit den Menschen: Ich kann ihnen einen Weg vorschreiben und ängstlich kontrollieren, was schiefgehen könnte, oder ich kann ihnen vertrauen, ihnen etwas zutrauen und sie anständig behandeln. Vielleicht ist das die eigentliche Übung: sich nicht von den wenigen Enttäuschungen lähmen lassen, sondern losschicken, was man sich wünscht, und schauen, was zurückkommt.


Liebe Sandra,
ich habe schon wieder ein paar Gemeinsamkeiten zwischen uns entdeckt. Nicht nur, dass wir zur selben Alterskohorte gehören …
Du bist im Westen in Grenznähe mit kulinarischen Highlights wie dem Schaumkussbrötchen auf dem Pausenhof aufgewachsen. Ich dagegen stand an der ostdeutschen Ostseeküste und schaute dem weißen Fährschiff hinterher und fragte mich, wie es wohl im fernen Dänemark aussieht.
Auch ich hatte keinen Businessplan. Nicht einmal eine Website, als ich in die Selbstständigkeit gestartet bin. Nur ein Xing-Profil, über das meine Dienstleistung gefunden wurde. Ich habe einfach angefangen. Und es lief wirklich nicht schlecht.
Mit den KI-Tools lief es ähnlich. Strukturiertes Prompting war nie so meins. Ich bin von Anfang an mit der KI ins Gespräch gegangen und habe mir das Ergebnis einfach erquatscht.
Umso gespannter bin ich auf dein Buch. Ich kann es kaum erwarten, es zu lesen!