Schwarze Fenster im Online-Meeting: Was tun, wenn die Kameras aus bleiben?
Du redest, und vor dir sind nur schwarze Kacheln. Schwarze Fenster sind kein Technikproblem. Sie sind ein Programmhinweis. Warum mich das nicht aus der Ruhe bringt, warum ich selbst manchmal so ein Fenster bin und was du tun kannst, damit Kameras freiwillig angehen.
Ich komme aus einer Zeit, da war das normal
Ich bin ziemlich entspannt mit schwarzen Fenstern. Das liegt daran, dass ich aus einer Zeit komme, in der das normal war. Ich mache seit Ewigkeiten Webinare und Online-Workshops. 2009 war ich als Moderatorin oft die Einzige, die sichtbar war. Bandbreite war ein Gerücht, Kamera war Luxus. Ich habe ins Nichts gesprochen. Niemand war zu sehen, manchmal war auch niemand zu hören, und trotzdem war es Weiterbildung. Das war wie Telefonieren, nur mit PowerPoint.
Dann kam 2020. Ich komme das erste Mal so richtig in einen Zoom-Raum, und da sitzen sie schon alle, die ganzen Nasen. Ich denke nur: Moment mal, wieso seid ihr denn alle schon freigeschaltet? Früher habe ich höchstpersönlich freigeschaltet, wer etwas beitragen wollte. Jetzt waren alle gleichzeitig sichtbar. Ich hatte echt einen Schock. Ich hatte nicht nur das Gefühl: Wer sind die? Ich hatte das Gefühl, ich habe meine Macht verloren. Ich war plötzlich nicht mehr diejenige, die den Raum öffnet. Gerne hätte ich gesagt: Geht weg, haut ab hier! Das ist meine Bühne.
Ich glaube, das ist der Grund, warum ich heute gut mit schwarzen Fenstern umgehen kann. Es irritiert mich nicht. Niemand bohrt in der Nase, niemand zieht sich aus, niemand lenkt mich ab, weil im Regal das gleiche Geschirr steht wie bei mir.
„Sandra, was machst du gegen schwarze Löcher?“
Das werde ich ständig gefragt. Meine Antwort ist manchmal: nichts.
In meinen Live-Online-Workshops wünsche ich mir die Kameras trotzdem an. Ich fühle mich sonst nicht allein, darum geht es nicht. Ich brauche Interaktion, und ich bin ungeduldig. Bis jemand den Knopf für Kamera und Mikrofon gefunden hat, bin ich gedanklich schon beim nächsten Beitrag.
Viele entschuldigen sich sogar bei mir, wenn sie die Kamera nicht einschalten können, und erklären mir ausführlich, warum. Das finde ich total süß. Das Coolste war mal: „Ich kann die Kamera leider nicht anmachen, ich bin selbst gerade in meinem Unterricht.“ Was? Die Person sagte: „Ich habe meine Leute beschäftigt. Ich will live dabei sein, weil ich vielleicht noch eine Frage habe.“ Das fand ich großartig.
Es gibt tausend gute Gründe, die Kamera nicht einzuschalten. Im Workshop gibt es trotzdem viele gute Gründe, sie einzuschalten. Der beste Grund: Interaktion zum Beispiel.
Ein Wort an die Podcast-Front
Jetzt werde ich ein bisschen streng. Nur ein bisschen. Ich höre manchmal von Podcast-Hosts, die auch Online-Workshops geben: „Ich halte diese schwarzen Fenster nicht aus.“ Du machst einen Podcast. Merkst du selbst, oder? Das ist, wie wenn jemand sagt: Ich liebe Radio, aber nur mit Blickkontakt.
Ein Podcast ist ein Monolog. Ein Video ist auch ein Monolog. Ein Online-Workshop ist Interaktion. Wenn du das nicht unterscheidest, hast du kein Kameraproblem. Dann hast du ein Formatproblem. Dieser Satz klingt wie KI. Ist aber von mir, muss jedoch so gesagt werden: Hilft ja nix. 😄
Ich bin selbst ein schwarzes Fenster
Ich melde mich auch manchmal zu Live-Online-Workshops an. Ich bin Teilnehmerin, ich bin erwachsen, und ich entscheide, ob und wie ich teilnehme. Das wird dir möglicherweise nicht gefallen: Ich mache meine Kamera nicht für dich an. Ich mache sie an, wenn ich beteiligt werde. Ich mache sie an, wenn es für den Lernprozess Sinn ergibt.
Wenn man mich nicht sinnvoll aktiviert, mache ich die Kamera aus. Werde ich in eine Breakout-Session verschoben, mache ich sie wieder an. So bin ich halt. Wenn ich nur einen Text zusammenfassen soll, den die Lichtgestalt von Dozent irgendwann geschrieben hat, dann empfinde ich das als Zeitverschwendung, und meine Kamera bleibt aus. Was ändert sich in der Welt, wenn ich das mache?
Stört es die anderen, dass ich nicht zu sehen bin, täusche ich meistens Verbindungsprobleme vor. Das habe ich schon 2020 gestanden, in meinem Online-Workshop-ABC unter Z wie Zoom.
Fünf Wege, für mehr eingeschaltete Kameras
1. Schreib es in die Einladung
Wenn du Interaktion willst, dann schreib es in die Einladung. Ganz klar: Wir arbeiten interaktiv. Kamera und Mikrofon sind wichtige Werkzeuge, damit wir uns sehen und hören können. Das ist kein Zwang, das ist ein Mittel zur Interaktion. Wir machen hier kein Hörspiel. Wir arbeiten gemeinsam. Wie eine solche Einladung aussehen kann, steht in meinem Beitrag zum Onboarding.
2. Nutze die 15 Minuten vorher
Die 15 Minuten vorher, zu denen du für einen Technik-Check einlädst, sind kein Technikfriedhof für Menschen, die nicht mit online umgehen können. Das ist der digitale Vorraum, und da entsteht schon Zugehörigkeit.
Jemand sitzt vor einem Alpenpanorama. Jemand ist im Urlaub und weiß nicht, ob das WLAN auf dem Campingplatz hält. Dann sage ich: „Ich lasse dich immer wieder rein.“
Jemand hat eine verwaschene Kaffeetasse, auf der steht „Abi 1991“, und ich sage: „Moment, 1991?“ Ich auch. Zack, Gemeinsamkeit. Je mehr Wohlfühlgefühl da ist, desto mutiger sind Menschen, die Kamera anzumachen und zu sprechen.
3. Aktivierung statt Alibi-Fragen
Jetzt kommt ein Punkt, der richtig wehtun kann. Wenn deine Frage auch ohne Antwort funktioniert, dann ist es keine Interaktion. „Schreib mal ein Ja in den Chat, wenn du das auch so siehst.“ „Daumen hoch.“ Man spürt geradezu, dass jemand gelernt hat, man müsse das so machen. Das ist keine Interaktion, das ist Beschäftigungstherapie.
Echte Aktivierung heißt: Deine Antwort verändert den Verlauf. Was wisst ihr schon über das Thema? Wo steht ihr gerade? Wo würdest du dich auf diesem Zeitstrahl einsortieren? Dann arbeite ich mit den Antworten weiter. Wenn ich merke, meine Antwort wird gebraucht, bleibe ich sichtbar.
Übrigens: „Wo sitzt du gerade?“ kann eine Alibi-Frage sein. Bei mir ist es Neugier. Ich finde es faszinierend, dass du in einer anderen Stadt sitzt, vielleicht in einer anderen Zeitzone, und wir sind trotzdem gleichzeitig im gleichen Raum. Ich sitze in Braunschweig, du vielleicht in München: gleiche Zeitzone, aber sechs bis acht Staus entfernt. Das ist für mich kein Smalltalk. Das ist Beziehung, und Beziehung ist die Basis von Interaktion.
4. Programm schlägt Appell
„Bitte mach die Kamera an, ich fühle mich sonst so allein“ ist kein didaktisches Argument. Das kleine Teufelchen in mir sagt dann: „Ums Verrecken nicht. Das ist, als würde man im Restaurant sagen: Bitte essen Sie mehr, ich habe so lange gekocht. Menschen essen, wenn es ihnen schmeckt. Menschen beteiligen sich, wenn es Sinn ergibt. Hör auf zu jammern. Mach dein Programm besser.“
5. Interaktion muss sich lohnen
Interaktion heißt nicht Reden um des Redens willen. Interaktion heißt: Wir erarbeiten etwas, wir diskutieren, wir durchdringen Komplexität, wir verändern Perspektiven. Ich spüre: Mein Beitrag verändert etwas. Vielleicht ist es eine richtig schwere Aufgabe, die man nur im Austausch wirklich versteht. Das ist Lernen.
Schwarze Fenster sind ein Programmhinweis
Wenn niemand sichtbar sein will, liegt das selten an der Kamera. Es liegt daran, dass niemand gebraucht wird. Vielleicht machst du dann lieber ein Webinar oder einen Online-Vortrag. Wenn du willst, dass Menschen sichtbar werden, mach sie bedeutsam. Beteilige sie.
Noch viel mehr Ideen für einen guten Einstieg stehen in meinem Buch „Bessere Online-Workshops“. Das ist der Grund für das Buch.
Wenn du mich dabei lieber mit allen Emotionen zum Thema sehen möchtest, mit Kaffee und rotem Hals: Hier ist das Video dazu.
Wie geht es dir mit den schwarzen Fenstern? Stören sie dich, oder kannst du gut damit umgehen? Schreib es mir gerne in die Kommentare.

